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Heilpflanzen: Da ist ganz schön viel Chemie drin






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Christian Bachmann

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Ist grüne Medizin sanft, ohne schädliche Nebenwirkungen? Wirkt sie anders als die «Chemie»? Ist sie billiger? Vergessen Sie diese populären Vorurteile. Die Natur ist vielfältig und ziemlich unberechenbar.

Die Fortschritte der modernen Medizin wären undenkbar ohne hoch wirksame Medikamente wie zum Beispiel das Curare. Es lähmt die Muskeln, so dass der Chirurg ungestört die schwierigsten Operationen ausführen kann. Digitalis regt die Schlagkraft des Herzens an, muss jedoch sehr vorsichtig dosiert werden. Atropin wirkt auf die inneren Organe und kann in manchen Lagen Leben retten, in anderen auch Leben bedrohen. All diesen Mitteln ist eines gemeinsam. Sie stammen aus Pflanzen: Curare aus der Rinde von Sträuchern, Digitalis aus dem Fingerhut und Atropin aus der Tollkirsche.

Pflanzen bis heute wichtigste Grundlage für Medikamente

Nicht zu vergessen das Morphium (aus Schlafmohn), das Ergotamin (aus Mutterkorn), das Chinin (aus Chinarinde), das Aspirin (aus Weidenrinde) - allein die Namen zu nennen würde Seiten füllen. Noch heute fahnden Forscher der Industrie in Urwäldern nach unentdeckten Pflanzen, in denen sie neue Wirkstoffe zu finden hoffen. Auch die Antibiotika sind natürlichen Ursprungs, sie stammen aus Pilzen.

Jahrtausende lang war das Wissen über Heilkräuter und ihre Anwendungen die Grundlage der ärztlichen Kunst. Im 19. Jahrhundert gelang es Chemikern, reine Stoffe aus Pflanzen zu isolieren. Damit begann die Epoche der modernen Pharmazie. Viele Wirkstoffe lassen sich heute aus einfachen Grundstoffen synthetisch herstellen, für andere sind als Rohstoff nach wie vor Pflanzen nötig. Mit der Gen-Technik lassen sich nun die natürlichen Vorgänge kopieren und in riesige Tanks verlegen, in denen manipulierte Bakterien die gewünschte Substanz erzeugen.

Viele Missverständnisse um Pflanzenheilkunde

Anhänger der Kräutermedizin betonen immer wieder einen Unterschied zwischen Natur und «Chemie», den es gar nicht gibt. Alle Chemie stammt letztlich aus der Natur, und umgekehrt wirken Heilkräuter auf die gleiche Weise wie chemische Präparate. Pflanzenheilkunde hat übrigens auch nichts mit Homöopathie zu tun, denn diese verwendet neben Pflanzen auch tierische und mineralische Stoffe.

Die verschiedenen Lehren, die Pflanzen verwenden - unter anderem auch Anthroposophie, Spagyrik, Bachblütentherapie - erklären sich die Wirkungen ganz unterschiedlich. Vieles entzieht sich wissenschaftlicher Prüfung. Aus Sicht des Konsumenten ist jedoch die wichtigste Frage: Wie kräftig wirkt das Mittel, egal ob pflanzlich oder «chemisch»? Stark wirksame Mittel sind dem Arzt vorbehalten und nur gegen Rezept erhältlich. Schwach wirksame kann man sich ohne Gefahr selber verschreiben, indem man sich einen Kräutertee zubereitet.

Vorsicht, die Natur ist nicht ganz harmlos!

Doch die Übergänge sind fliessend. Auch vermeintlich sanfte Naturmittel, die rezeptfrei in jeder Drogerie zu kaufen sind, können zum Teil schwere Nebenwirkungen auslösen. Dazu gehören die seit alters empfohlenen Senfwickel gegen Rheuma und Bronchitis. Der Wirkstoff, ein giftiges Senföl, dringt in die Haut ein und fördert dort die Durchblutung. Neben dieser erwünschten Wirkung führt er aber auch zu Entzündungen mit Blasen- und sogar Eiterbildung, die die Haut ernsthaft schädigen können. Umschläge aus Cayennepfeffer fördern die Durchblutung ebenso gut, schonen aber die Haut. Diese und weitere nützliche Informationen finden sich in einem kürzlich erschienenen kritischen Ratgeber über Medikamente aus Heilpflanzen (siehe Kasten).

Sehr stark wirken auch viele pflanzliche Abführmittel wie Aloe, Faulbaum, Kreuzdorn, Rhabarberwurzel, Sennesblätter und Rizinusöl. Sie reizen die Darmwand und entziehen dem Körper wertvolle Minerale. Bei längerer Anwendung können sie den Körper so abhängig machen, dass der Darm nur noch arbeitet, wenn der Reiz des Abführmittels ihn ständig kitzelt.

Arnika, äusserlich gegen Rheuma und Entzündungen unbedenklich, wird auch innerlich als «Herztonikum» empfohlen. Davon ist aber abzuraten, da die giftigen Wirksstoffe Magen- und Darmschleimhäute entzünden. Die Samen der Brechnuss enthalten das Gift Strychnin. Diese Pflanzen findet sich noch immer in gewissen «Stärkungsmitteln», von denen dringend abzuraten ist. Giftig sind auch die Blutdruck senkenden Alpenrosenblätter und das die Durchblutung fördernde Immergrün. Gegen hohen Blutdruck - und gegen Arterienverkalkung - nimmt man besser Knoblauch, und zwar die frischen Zehen. Wer die Wirkung will, muss sich mit dem Geruch abfinden, denn dieser entsteht im Körper, wenn dieser den Knoblauchwirkstoff umsetzt. Die geruchfreien Knoblauchpräparate können also kaum wirksam sein, auch wenn die Werbung das Gegenteil behauptet.

Nicht zu empfehlen wegen schädlichen Nebenwirkungen sind zum Beispiel auch Raute gegen Krampfadern und Menstruationsbeschwerden, Huflattich und Pestwurz gegen Darmkrämpfe, Boldoblätter gegen Gallenbeschwerden, Blasentang als Schlankheitsmittel, Berberitze zur Blutreinigung und Alant gegen Husten.

Die meisten Heilpflanzen sind unbedenklich

Die meisten anderen Heilpflanzen sind in der empfohlenen Dosis in der Regel unbedenklich, auch wenn manchmal auch bei ihnen Nebenwirkungen auftreten. Einige können Allergien auslösen, vor allem Körbchenblütler wie Arnika, Benediktenkraut, Sonnenhut, Ringelblume und Schafgarbe und in seltenen Fällen auch Kamille.

Heilpflanzen enthalten viele Stoffe, bekannte und unbekannte. Die Wirkung entsteht im Zusammenspiel der einzelnen Stoffe, die sich gegenseitig beeinflussen, sowohl in der Stärke als auch im zeitlichen Verlauf. Diese Wechselwirkung ist nie exakt zu planen. Auch kann der Gehalt von Pflanzen an Wirkstoffen sehr stark schwanken. Deshalb ist es wichtig, dass Präparate auf einen bestimmten Wirkstoffgehalt eingestellt, das heisst standardisiert oder normiert sind. Dies ist aber bei den wenigsten Präparaten der Fall.

Heilpflanzenpräparate sind in der Regel teurer als ähnlich wirkende chemisch hergestellte Medikamente, denn zu ihrer Herstellung sind mehr Produktionsschritte nötig. Auch die Qualitätsprüfung ist sehr aufwendig.

In der Drogerie oder Apotheke kaufen, nicht in freier Natur sammeln

Wer selber Tee aus Heilpflanzen zubereiten will, sollte diese Pflanzen in der Drogerie oder Apotheke kaufen und nicht in freier Natur sammeln. Erstens könnten die Pflanzen durch Umweltgifte verseucht sein, und zweitens gehören viele von ihnen bei uns zu den geschützten Arten. Bereiten Sie Tees immer in der Tasse frisch zu, niemals den Bedarf für einen ganzen Tag im Thermoskrug. Die optimale Zubereitung richtet sich nach der Pflanze und ist in jedem einschlägigen Buch nachzulesen. In der Regel übergiesst man getrocknetes Kraut oder Blüten oder fein zerschnittene Wurzel mit kochend heissem Wasser und lässt fünf bis zehn Minuten ziehen.

© Christian Bachmann

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