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Höllenhund und Himmelsschlüssel






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Christian Bachmann

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Als Orpheus, krank vor Liebe, seiner Eurydike in die Unterwelt folgte, würdigte ihn Cerberus, der dreiköpfige Höllenhund, kaum eines Blickes. Eintreten liess er jeden Menschen, hinaus jedoch keinen. Da der griechische Held seine Geliebte wieder zu den Lebenden zurückholen wollte, stand ihm also eine äusserst schwere Bewährungsprobe bevor. Sie wäre ihm auch beinahe gelungen, weil Orpheus mit seinem Lautenspiel den ganzen Hades bezauberte und Cerberus die Order hatte, den Musiker und seine Begleiterin austreten zu lassen. Als er sich jedoch nach seiner Eurydike umschaute, was er nicht hätte tun dürfen, holte Götterbote Hermes die Geliebte wieder zurück - diesmal für immer.

Aus dem Jenseits ist noch nie ein Mensch nachweislich zurückgekehrt. Diese Tatsache erklärten sich die alten Griechen damit, dass die Unterwelt, der Hades, offenbar sehr gut bewacht sein müsse. Von einem Wesen, dem nichts entgehen durfte, und das von frühmorgens bis nachts und wieder bis zum Morgengrauen wachte, Tag für Tag, Jahr für Jahr, Epoche um Epoche. Ein solches Wesen konnte nichts anderes sein als das Urbild der Wachsamkeit, ein Hund. Seine drei Köpfe entsprechen, technisch ausgedrückt, der erforderlichen Redundanz: Einer war stets wachsam, der andere konnte schlafen, und der dritte war zur Sicherheitsreserve da.

Wachsamkeit ist das älteste Prinzip der Zutrittskontrolle. (Wer sich im Hades aufhielt, dem war der Zutritt zur Welt der Lebenden für immer verwehrt.) Doch dies ist, wenn man keinen dressierten Höllenhund besitzt, sehr aufwendig. Zu allen Zeiten konnten sich nur sehr Begüterte Wachpersonal leisten, das Befugten freien Zutritt gewährte und ihn den übrigen verwehrte.

Dieses Problem stellte sich der Menschheit seit Beginn des Ackerbaus und der Sesshaftigkeit. Wer gesät und geerntet hatte, konnte keinesfalls dulden, dass ein anderer sich an den Früchten seiner Arbeit gütlich tat.

Die Lösung dieses Problems, eine technische Form der Zutrittskontrolle, hat sich bis heute bewährt: Schloss und Schlüssel. Es ist eine Geschichte, die sich durch Jahrtausende menschlicher Kultur zieht, spannend zu lesen wie ein Kriminalroman.

Schlüssel hatten seit je nicht nur technische, sondern auch magische und sakrale Bedeutung. Diese hat sich als feierliche Zeremonie der Schlüsselübergabe (auf Samtkissen, begleitet von Blasmusikklängen) bis heute erhalten.

Kein Wunder, dass die Unterwelt-Götter und -Göttinnen der alten Griechen, Römer, Perser und Ägypter - Pluto, Aiakos, Hekate, Persephone, Anubis - immer ihre Schlüssel bei sich trugen. Der Schlüssel verlieh die Macht, zu öffnen und zu verschliessen.

Auch in christlichen Jenseitsvorstellungen spielt der Schlüssel eine entscheidende Rolle. Petrus, als Verwalter der Himmelstür, lässt nur Würdige ins Paradies eintreten. Die anderen schickt er zurück - nicht dorthin, wo sie hergekommen sind, sondern ins Inferno. In den Bildern, die Dante so eindrucksvoll beschrieben hat - «Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate...» - findet sich die Vorstellung des griechischen Hades wieder.

Petrus' Himmelsschlüssel ist in der Bibel bereits im Alten Testament angedeutet. Der Prophet Jesaia beschreibt im zweiundzwanzigsten Kapitel, Vers zweiundzwanzig, einen Schlüssel des Messias zum Hause Davids, «dass er auftue und niemand zuschliesse, dass er zuschliesse und niemand auftue». Die Evangelisten des Neuen Testaments bezogen diese Stelle auf Jesus, und als den Schlüssel betrachteten sie das Kreuz, mit dem Jesus den Himmel geöffnet hatte. Im Bart der alten, handgeschmiedeten Schlüssel war ja oft deutlich die Form des Kreuzes zu erkennen, was den Evangelisten wohl ein zusätzlicher Hinweis war.

Die Schlüsselgewalt des Petrus legitimiert sich durch eine Stelle aus dem sechzehnten Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Jesus überreicht dem Petrus die Schlüssel des Himmelreiches mit den Worten, die im neunzehnten Vers überliefert sind: «Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.»

Im dritten Jahrundert ging diese Schlüsselgewalt an den jeweiligen Nachfolger Petri über, an den Papst. Seither führen die Päpste den Schlüssel in ihrem Wappen.

Um Schloss und Schlüssel ranken sich zahlreiche Heiligenlegenden. So soll Petrus seine Himmelsschlüssel kirchlichen Würdenträgern übergeben haben, die daraufhin Wunder vollbringen konnten. Zu ihnen gehören die Heiligen Servatius, Bischof von Tongern, und Hubertus, Bischof von Lüttich. Der spätere Schutzheilige der Jäger vermochte mit der Binde- und Lösegewalt des Petrus nicht nur Tollwut, sondern auch Epilepsie zu heilen. Daher stammt auch der Brauch, Epileptikern beim Anfall einen Schlüssel in die Hand zu drücken.

Als der Heilige Benno im elften Jahrhundert von Heinrich dem Vierten als Bischof von Meissen abgesetzt wurde, gab er den Schlüssel zum Dom einigen Getreuen, die ihn in die Elbe werfen sollten, wenn der Kirche Gefahr drohe. Dies geschah. Als Benno, als Bischof wieder eingesetzt, 1088 nach Meissen zurückkehrte, soll ihm ein Fisch gebracht worden sein, an dessen Flosse der Domschlüssel hing.

Schlüssel symbolisierten nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Macht. Ging ein Krieg verloren, musste die Regierung der unterlegenen Partei dem Sieger den Schlüssel des Burg- oder Stadttores übergeben. Auch in friedlichen Zeiten markierte die feierliche Schlüsselübergabe den Übergang der Herrschaft von den alten zu den neuen Machthabern. Dabei huldigte das Volk seinen neuen Fürsten.

Für die fürstlichen Schlüssel war der Kämmerer verantwortlich, eines der höchsten Ämter bei Hofe. Der Kämmerer empfing Bittschriften und arrangierte Privataudienzen, war bei Reisen Begleiter und Gesellschafter des Fürsten, reiste als Gesandter auch im Auftrag seines Herrn zu fremden Fürstenhöfen, um Nachrichten, Gratulations- oder Kondolenzschreiben zu überbringen. Als Zeichen seiner Macht trug er den fürstlichen Schlüssel an einer Schnur über die Schulter. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich der Schlüssel schrittweise vom Gebrauchsgegenstand zum Abzeichen der Kämmerertracht: im siebzehnten Jahrhundert zierte er, aus massivem Silber gefertigt, zwischen goldenen Knöpfen ein Band an der rechten Hüfte des Kämmerers, im achtzehnten Jahrhundert war er nur noch ein Symbol aus vergoldeter Bronze, mit dem man keine Tür mehr aufschliessen konnte.

Im Volksglauben des Mittelalters schützten Schlüssel vor Hexen und Teufeln, vor dem bösen Blick, vor Krankheit, Feuersbrunst und Dieben. Magie und Wirklichkeit gingen also fliessend ineinander über. Denn vor Dieben vermochte ein Schlüssel sehr wohl zu schützen, auch ohne jeden Zauber. Doch der mittelalterliche Mensch erlebte das Gefühl, das ihm ein sicher am Bund verwahrter Schlüssel vermittelte, als eine magische Wirkung, von der er glaubte, sie vermöge Diebe zu «bannen».

Wollte ein deutsches Mädchen wissen, aus welcher Gegend der künftige Bräutigam stammte, warf es in der Christnacht ihre Schlüssel an die Haustür. Schlugen dann bei dem entstehenden Lärm Hunde an, dann würde der Zukünftige einmal aus derselben Richtung kommen wie das Hundegebell.

Vor der Entbindung pflegte man sämtliche Schlösser des Hauses aufzuschliessen, um der werdenden Mutter die Geburt zu erleichtern. Dem Neugeborenen legte man den Hausschlüssel in die Wiege. Das schützte vor dem bösen Blick. Nach der Geburt hütete sich die Mutter sechs Wochen lang, ein Schloss aufzuschliessen. Sonst bestand nämlich die Gefahr, dass das Kind später zum Dieb wurde.

Wer keinen echten Schlüssel besass, konnte sich auch ein Schlüsselamulett um den Hals hängen - Nachbildung eines legendären Schlüssels. Solche Amulette wurden zum Beispiel als «Hubertus-», «Petrusschlüssel» usw. gehandelt. Besonders gefragt war der «Reiner Gnadenschlüssel», ein Amulett des steirischen Zisterzienserklosters Rein. Wer sich vor epileptischen Anfällen schützen wollte, verfertigte sich einen schlüsselförmigen Anhänger aus Silberdraht, an dem auch Natternwirbel aufgereiht sein konnten.

Der Schlüsselbund war im Mittelalter ein Bestandteil weiblicher Trachten - sichtbares Zeichen der Schlüsselgewalt, die der Hausfrau besondere Rechte einräumte. Die Schlüsselgewalt erlaubte einer Hausfrau unter anderem, im Namen ihres Mannes Käufe zu tätigen. Verstarb er und hinterliess Schulden, dann konnte die Witwe dieses Erbe ausschlagen, indem sie ihre Schlüssel zusammen mit der Geldbörse auf das Grab ihres Mannes legte.

Die Tradition weiblicher Schlüsselgewalt reicht bis in griechisch-römische Zeit zurück; sie war bei den Germanen ebenso verbreitet wie bei den Wikingern. Die Braut erschien zur Hochzeitfeier mit den Schlüsseln ihres neuen Hauses am Gürtel. Kam es zur Scheidung, musste die Frau ihre Schlüssel dem Mann zurückgeben.

Eine kluge Hausfrau, so hiess es, müsse ihre Schlüssel auch im Ohr tragen, an ihrem Mund dagegen ein Schloss. Der Schlüssel als öffnendes und das Schloss als schliessendes Prinzip finden sich im übertragenen Sinne in vielen Redensarten und allegorischen Darstellungen. So kommt das Schloss am Mund als Sinnbild der Verschwiegenheit schon in der Bibel vor. Und das Bild vom verlorenen «Slüzzelin», mit dem Minnesänger Walter von der Vogelweide sein verliebtes Herz beschrieb, hat auch nach Jahrhunderten nichts von seiner Kraft eingebüsst.

© Christian Bachmann

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