SpacerLogo Leichtlesbar
Zünd lieber andre an!






 © 2009-2014
Christian Bachmann

Powered by
Easy-Site ®


Im alten Rom beschäftigte Kaiser Augustus eine Stadtgarde von sieben Kohorten mit je tausend Mann, die «Vigiles». Es ist die erste organisierte Feuerwehr, die geschichtlich überliefert ist, denn neben polizeilichen Aufgaben war auch die Bekämpfung von Bränden Sache dieser Truppe. Sie war für damalige Verhältnisse erstaunlich modern ausgerüstet: Neben Heronschen «Siphons» - den auf Seite ... beschriebenen Feuerspritzen - verfügte die Mannschaft über Wasserbehälter, Einreisshaken und Leitern. Bei Neros grossem Brand von Rom gelang es dieser Truppe, gemeinsam mit Bürgern, das Feuer am Fusse des Esquilinischen Hügels aufzuhalten.

In dieser ersten Feuerwehr waren schon die meisten Grundsätze moderner Brandbekämpfung praktisch verwirklicht. Um so erstaunlicher mutet an, dass daneben alte magische Vorstellungen vom Feuer als einer göttlichen oder dämonischen Macht weiterwirkten, einer Macht, die man mit Gebeten, Zaubersprüchen und Ritualen zu bannen suchte.

In Persien begründete Zarathustra um etwa 800 v.Chr. eine Religion, die dem Feuer eine reinigende Kraft zuschrieb - Ursprung der christlichen Vorstellung des Fegefeuers. Der persische Kult des Feueranbetens hat sich bei den Parsen, einer indischen Sekte, bis heute erhalten.

Auch die Juden, die sich ja von Gott kein Bildnis machen durften, betrachteten das Feuer als eine Erscheinungsform des Herrn. Die Bibel erzählt zahlreiche Geschichten davon: der brennende Dornbusch, aus dem Gott zu Mose redet, der Feuerwagen, in dem Prophet Elia fährt, das Feuer der Strafe, das über Sodom und Gomorrha regnet, die drei Unschuldigen im Feuerofen, die nicht verbrennen, weil sie keine Strafe verdient haben.

Wer also Gott wohlgefällig sein wollte, brachte ein Brandopfer dar. Doch oft war das Feuer auch eine Plage. Als in Thabera das Lager der Israeliten brannte, überliefert im vierten Buch Mose, «da schrie das Volk zu Moses, und Moses bat den Herrn. Da verschwand das Feuer.»

Auf diesen Vorfall geht die komische Feuertellerverordnung (siehe Seite ...) des sächsischen Landesfürsten zurück. Das ist eine lange Geschichte. Sie beginnt damit, dass die Juden mit den Worten des Moses ein Feuerlöschritual begründeten. Anfänglich benützten sie dazu die Worte aus der Heiligen Schrift, später verkürzte sich die Formel und wurde zu einem Geheimwort, AGLA, dessen Bedeutung nur Eingeweihte kannten. Es besteht aus den Anfangsbuchstaben des Satzes «Attah Gibor Leolam Adonai - Du bist stark in Ewigkeit, Herr». Später zeichnete man dazu einen Davidsstern, den man mit den vier Buchstaben versah. Dieser Brauch hielt sich über Jahrhunderte, und es ist derselbe Davidsstern und es sind dieselben vier Buchstaben, die sächsische «Feuerlöschteller» schmückten.

Neben dem Geheimwort AGLA schrieb man auch der sogenannten Satorformel eine Wirkung gegen Feuer zu. Die Formel ist ein magisches Quadrat mit der Inschrift SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS, die man in allen Richtungen, von links und rechts, von oben und von unten lesen kann. Auch diese Formel sprach man zur Beschwörung oder schrieb sie auf Papier oder auf einen Teller und warf diese ins Feuer. In den Worten der Satorformel ist ein gewisser Sinn erkennbar, wenn auch nur dunkel und verschleiert. Wie es sich für eine Geheimformel gehört, hilft eine wörtliche Übersetzung nicht viel weiter: «Der Sämann hält dem Herankriechenden mit Mühe die Räder.» Der oder das «Herankriechende» kann im übertragenen Sinne auch das Unheil bedeuten, das auf den Menschen zukommt und ihn bedroht. Der Sämann steht für Gott, der das Unheil abwendet. Seinen Namen (lateinisch PATER NOSTER, unser Vater), kann man im magischen Quadrat lesen, wenn man in Rösselsprüngen wie auf einem Schachbrett von Quadrat zu Quadrat hüpft. Die Räder könnten einen Wagen bedeuten - den Feuerwagen? Was auch immer die Worte bedeuten mögen, später ersetzte man sie oft durch andere, die einen deutlicheren Sinn ergaben, auch wenn man sie dann nicht mehr von allen Seiten lesen konnte.

Die Sachsen, wie alle germanischen und nordischen Völker, kannten zahlreiche Segenssprüche, die Gefahren abwenden sollten. In Siebenbürgen sagte man gegen Feuer folgenden Spruch: «Maria ging durch einen grünen Wald. Da fand sie einen glühenden Brand. Aufnahm sie den glühenden Brand und sprach: Feuer, du sollst gelöscht sein, ohne Wasser, ohne Wein. In des wahren Herrn Jesu Christi seinem Namen! Amen.»

Volkskundlich sind solche Sprüche äusserst interessant, weil sie etwas über die Verwandtschaft der einzelnen Völker aussagen. Die Überlieferung sorgte natürlich für zahlreiche Entstellungen und Missverständnisse. So verwendete man in Dänemark einen ursprünglich in Latein abgefassten Spruch als Feuersegen, und niemand merkte, dass der Spruch eigentlich vor dem Biss eines tollwütigen Hundes schützen sollte.

Die Folter- und Hinrichtungsmethoden für religiöse Märtyrer, die später zu Heiligen wurden, waren eine weitere Quelle von Feuerlösch-Sprüchen. So starb Agatha, mit glühenden Zangen gefoltert und mit glühenden Kohlen überschüttet, im dritten Jahrhundert auf Sizilien. Als, lange nach ihrer Heiligsprechung, einst der Ätna ausbrach, hielt man dem Lavastrom einen Schleier der Agatha entgegen, der als Reliquie aufbewahrt wurde. Der Lavastrom soll danach zurückgewichen sein. Auch Täfelchen mit der Leidensgeschichte der Feuerheiligen sollen bei Feuersbrünsten geholfen haben.

Weitere Feuerheilige sind die Katharina, als christliche Jungfrau einst von einem heidnischen Kaiser zur Frau begehrt und verbrannt, da sie ihn abwies; die Barbara als Schutzheilige der Artilleristen, Waffenschmiede und Bergleute (daher die Bezeichnung «la sainte Barbe» für die Pulverkammer in französischen Kriegsschiffen); Laurentius, der vor allem gegen Brandwunden helfen soll, und natürlich Sankt Florian, der durch das nicht gerade nachbarfreundliche Gebet «behüt mein Haus, zünd lieber andre an» sprichwörtlich geworden ist.

Am 10. Juni 1714 wurden in Preussen sechs Zigeuner gehängt. Eine Woche später sollte auch ihr Oberhaupt, ein achtzigjähriger Greis, hingerichtet werden. Doch an jenem Tag brach eine Feuersbrunst aus, wie ein 1715 in Königsberg gedrucktes Flugblatt berichtet. Der Zigeunerkönig, wie er auf dem Flugblatt genannt wird, bannte das Feuer mit einem Zauberspruch und erhielt dafür die Freiheit. Die Geschichte mit dem Zigeunerkönig scheint nach Ansicht der Historiker ein Werbetrick gewesen zu sein, um den Zettel mit dem angeblich so wirksamen Zauberspruch verkaufen zu können. Der Spruch lautete:

«Biss mir willkommen, feuriger Gast, greiff nicht weiter, den du hast gefasst, im Namen Gottes des Vaters, der uns erschaffen hat, im Namen Gottes des Sohnes, der uns erlöset hat, im Namen Gottes des heiligen Geistes, der uns geheiliget hat! Feuer, ich gebiete dir bey Gottes Krafft, dass du wollest stille stehen, so wahr als stille stundt Christus am Jordan...»

Der Spruch umfasste sechs Strophen und soll auf altindische oder ägyptische Zigeuner-Ursprünge zurückgehen, was Historiker allderdingsa bezweifeln. Während der Feuerbanner den Spruch betete, griff er hinter sich, nahm eine Handvoll Erde und war sie ins Feuer. In der Schweiz kannte man auch eine andere «Löschmethode», man warf drei Stücke Brot ins Feuer. Auch mit Stockschlägen hoffte man das Feuer wie ein wildes Tier zurückscheuchen zu können.

In England besprengte man Glocken mit Weihwasser und salbte sie mit Öl; ihr Läuten sollte bei einem Brand das Ausbreiten des Feuers verhindern.

Die Tatsache, dass kein solcher Zauber je ein Feuer wirklich gelöscht hat, hinderte die Menschen nicht daran, immer wieder zu solchen Mitteln zu greifen. Dazu mag die Macht der Kirche wesentlich beigetragen haben, die angebliche Hexen im läuternden Feuer sterben liess und von der Kanzel immer wieder verkündete, der Mensch dürfe nicht in Strafgerichte Gottes eingreifen. Zu diesen Strafgerichten zählte, nach dem Vorbild von Sodom und Gomorrha, hauptsächlich das Feuer.

Wenn sich auch Segenssprüche gegen lodernde Flammen als wirkungslos erwiesen, so sprach doch nichts dagegen, sie zur Vorbeugung einzusetzen. Man mauerte beim Hausbau Talismane ein, man schnitzte Segenssprüche in Tür- oder Fensterbalken oder steckte sie, auf einen Zettel geschrieben, zwischen die Dachsparren.

Wer möchte heute noch für solche Brandverhütung die Hand ins Feuer legen? Diese Redensart stammt übrigens aus einer Zeit, in der sogenannte Gottesurteile darüber entscheiden sollten, ob jemand schuldig oder unschuldig war. Das bekannteste Gottesurteil war die Feuerprobe, und wenn heute jemand «die Feuerprobe bestanden» hat, dann hat er oder sie etwas ganz besonderes geleistet.

Was in unserer modernen Welt nur noch in der Sprache weiterlebt, war früher harter Alltag in einer Gerichtspraxis, die in den meisten Fällen darauf hinauslief, dass Angeklagte grundsätzlich immer schuldig sind, es sei denn, Gott selbst beweise das Gegenteil. Gottesurteile waren in fast allen Kulturen verwurzelt, in der Dritten Welt sind sie zum Teil noch heute gebräuchlich. Neben der Feuerprobe gab es auch die Wasserprobe (Unschuldige ertrinken nicht), die Giftprobe (Unschuldige werden nicht krank) und viele andere Tests. So hatte sich zum Beispiel ein Mordverdächtiger auf die Bahre neben die Leiche des Opfers zu legen. Begannen dessen Wunden zu bluten, war der Angeklagte der Mörder.

Bei der Feuerprobe musste der Angeklagte seine Hand ins Feuer legen, glühende Eisen anfassen, über glühende Kohlen, durch Flammen oder über neun glühende Pflugscharen gehen. Erlitt er Verbrennungen, war er schuldig, blieg er unverletzt, war er unschuldig. Oft wurde die Probe noch dadurch erschwert, dass der Angeklagte beim Gang durchs Feuer ein mit Wachs getränktes Hemd anziehen musste.

Die kirchlichen und weltlichen Ankläger hatten natürlich auch ihre Tricks, um ab und zu einen Angeklagten als unschuldig durchgehen zu lassen. Dies war schon deshalb nötig, um den zahlreichen Zuschauern solcher Spektakel zu demonstrieren, dass die Probe tatsächlich etwas taugte; dazu durfte ihr Ergebnis nicht von vorneherein feststehen.

Eine Stelle aus einem überlieferten altfränkischen Ritual ist in diesem Zusammenhang recht aufschlussreich: «Und alsobald trage der Angeklagte das Eisen über eine Strecke von neun Fuss. Sodann werde seine Hand drei Tage lang eingewickelt und versiegelt; und wenn nach Ablauf dieser Frist die Brandwunde sich verschlimmert hat, dann soll er als schuldig gelten; ist die Hand aber unverletzt, dann werde Gott gepriesen.»

Ob sich die Brandwunde «verschlimmert» hatte, entschied natürlich der Priester. Zur geistlichen Vorbereitung auf die Feuerprobe konnte der Priester einem Angeklagten auch durch allerlei Salben Erleichterung verschaffen. Überliefert ist zum Beispiel eine Mischung aus Eiweiss, Schleim aus Malven oder Eibisch und als Samen des Flöhkrautes, dazu Kalk und Rettichsaft. Vor dem Einreiben dieser Salbe wurde die Haut mit Essig gewaschen, um sie zu gerben und dadurch gegen Hitze widerstandsfähiger zu machen. Zu guter Letzt mochte der Geistliche dem Angeklagten vielleicht noch den guten Rat ins Ohr flüstern, das Eisen nur ganz sachte anzufassen, aber beim Gang über die glühenden Kohlen recht fest aufzutreten. Einem Sünder, von dessen Schuld er überzeugt war, versagte er natürlich diese Erleichterungen.

Gottesurteile entschieden nicht nur über Schuld oder Unschuld. Sie sollten gleichzeitig auch abschrecken. Diesem Motiv werden wir im folgenden Teil dieses Buches wieder begegnen. Er zeigt, dass auch Tiere und Pflanzen ihre Sicherheitsprobleme haben - und zu Lösungen kommen, die sich von denen des Menschen gar nicht so sehr unterscheiden.

© Christian Bachmann

zurück