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Ein Spital hält den Atem an






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Christian Bachmann

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Das Freiburger Kantonsspital, l'Hôpital cantonal, ist in die Jahre gekommen. Aber seine Versorgung mit Energie, Frischluft und Wasser ist auf dem neusten Stand der Technik. Gut so, denn eines späteren Mittwochnachmittages...

Auf dem Gang durch die Eingeweide des Spitals hört Bernard Charrière vor allem seine eigenen Schritte. Nur ein leises Vibrieren erfüllt den grünlich erleuchteten Korridor. Dieser Teil eines weit verzweigten unterirdischen Labyrinths führt zum Herzen des 500-Betten-Kolosses. Der stellvertretende technische Betriebsleiter ist mit dafür verantwortlich, dass alle Patienten genügend Frischluft zu Atmen haben. Ebenso wichtig ist ein angenehmes, die Genesung förderndes Klima in den Zimmern, warm im Winter und kühl im Sommer. Die unzähligen Apparate, an denen menschliche Lebensfäden hängen, brauchen ihren elektrischen Strom — zuverlässig geliefert vom Elektrizitätswerk EEF. Energie ist das A und O in einem Spital.

Vorbei an abgestellten Spitalbetten, die auf Desinfektion warten, an Stapeln von EKG-Formularen, palettierten Couverts, Hygieneartikeln, und, und, und. Das Vibrieren wird stärker. Es sind die Lungen des Spitals, mannshohe Ventilatoren. Sie saugen durch Wärmetauscher, gross wie Scheunentore über 100 Kubikmeter Frischluft pro Sekunde an und pumpen sie in ein weit verzweigtes System von Kanälen. Riesige Schalldämpfer schlucken das orkanartige Brausen von mehr als 120 Dezibel.

Doch plötzlich wird es dunkel. Eine fast gespenstische Stille breitet sich aus. Die mächtigen Schaufeln drehen sich ohne Kraft weiter. Aufzüge lassen sich nicht mehr bedienen. Auch im OP, dem Operationssaal, würden jetzt die Lichter ausgehen, die Beatmungsgeräte stillstehen. Doch zum Glück wird gerade nicht operiert.

Ziemlich genau zwölf Sekunden dauert der Spuk. Dann arbeiten alle Systeme wieder normal. Die meisten Patienten und Besucher haben gar nichts bemerkt. Nur Eingeweihte wissen, dass jetzt zwei mächtige MAN-Schiffsdieselmotoren mit Turboladern die Stromversorgung für die nächste Stunde übernommen haben. Bernard Charrière hat jetzt das Ziel seines Kontrollganges erreicht: den Motorenraum. Beide Aggregate arbeiten normal, drehen regelmässig ihre 1500 Touren pro Minute. Wäre Motor 1 ausgefallen, müsste Charrière jetzt die Netzgruppe 1 mit OP und Intensivstation von Hand auf Motor 2 schalten. An der zweitwichtigsten Netzgruppe hängen die Krankenzimmer und die Aufzüge, an der dritten die Wärme-, Luft- und Wasserversorgung.

Das EEF trifft keine Schuld, denn die Panne ist geplant. 'Jeden letzten Mittwoch des Monats schalten wir zwischen 16 und 17 Uhr die normale Stromversorgung aus', erklärt Bernard Volery, stellvertretender Direktor des Spitals. Das ist nötig, damit die Dieselmotoren nicht 'einrosten'. Tag und Nacht ist ihre Ölzufuhr auf 60 Grad Celsius erhitzt, so dass sie jederzeit starten können. Zwei Sekunden nach einem Stromunterbruch starten die Motoren, nach weiteren zehn Sekunden haben sie ihre volle Drehzahl erreicht und können die Last übernehmen. Der Unterbruch von 12 Sekunden schafft für die meisten Stromverbraucher keine Probleme, selbst die Chirurgen können drei Atemzüge lang im Dunkel ausharren. Nur die Computer brauchen eine unterbruchslose Stromversorgung: Ein Gleichrichter formt den gelieferten Strom um, speist damit ein massives Paket Batterien. Aus diesem stabilen Energietank bedient sich ein Wechselrichter, der dem Strom wieder die von den Computern benötigten 50 Schwingungen pro Sekunde gibt.

Einer dieser Computer steuert und überwacht auch die gesamten Energieanlagen. Über 1400 Messpunkte erfassen Stromstärken, Temperaturen, Drücke, Durchflussmengen, leiten die Werte an über 500 Zähler weiter, die über ein System von Datenleitungen direkt mit dem Computer verbunden sind. Jede Stunde, rund um die Uhr, speichert das System sämtliche Werte. Die Zahlenflut dient dazu, das riesige System im Griff zu haben, Störungen schnell zu lokalisieren und möglichst viel Energie zu sparen. Das ist denn auch voll gelungen; das Spital gewann letztes Jahr den 'Prix eta' für besonders rationellen Einsatz von Energie.

Auch Bernard Volery strahlt gebündelte Energie aus. Stolz präsentiert er die Zahlen: 'Ausgangspunkt für die Sanierung unserer Anlagen ist das Jahr 1979. Damals verbrauchten wir 27'000 MWh Wärmeenergie. 1992 waren es nur noch 22'700 MWh. Auch den Verbrauch von Trinkwasser konnten wir massiv senken, indem wir für die Kühlung einen geschlossenen Kreislauf installierten. Dadurch sparen wir 60'000 Kubikmeter Wasser pro Jahr, das sind immerhin 40'000 Franken.' Gut so, doch jetzt muss die Gretchenfrage kommen: Und wie steht es mit dem Stromverbrauch? '8100 MWh, jedes Jahr etwa 2 Prozent zunehmend', räumt Volery ein. 'Wenn wir Energie und Wasser sparen wollen, müssen wir eben auf der anderen Seite auch Energie einsetzen.' Ausserdem ist das Spital zur Zeit bis an die Grenze seiner Kapazität belegt und sollte dringend erweitert werden.

An jenem Mittwoch um 17 Uhr, nachdem sie ihren Pflichtlauf absolviert hatten, liefen die beiden Dieselmotoren wieder aus. Der Stromunterbruch dauerte diesmal nur ein Augenzwinkern. Dann lag das ganze Spital wieder am Netz der EEF.

© Christian Bachmann

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