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Ein Tag in der Klinik






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Christian Bachmann

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24-Stunden-Reportage im Auftrag der Zürcher Ärztegesellschaft.

5 Uhr: Alles ist bereit
Endlich findet Nachtschwester Brigitte Zeit, die 'Kardexbögen' ihrer Patienten nachzuführen. Neben der Fieberkurve, Puls-, Blutdruck- und anderen exakten Werten ist hier auch menschliches Befinden aufgezeichnet. Frau Gisler* leidet ständig Schmerzen. Die Medikamente scheinen bei ihr nicht zu wirken; sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Herr Arbenz schlief vor dem Fernseher ein, Frau Bolli war etwas nervös wegen ihrer Operation. Alles in allem war es eine ruhige Nacht, trotzdem war Schwester Brigitte immer beschäftigt. Frau Noll sollte übrigens noch ihre Medikamente verschrieben bekommen.
*Patientennamen geändert.

6 Uhr: Auftakt
Noch scheint das Spital zu schlafen. Doch bald hallen Schritte auf den verschiedenen Ebenen. Man hört plaudern und lachen. Schwestern, Pfleger und Ärzte treffen sich unterwegs zu ihren Arbeitsplätzen. In der Küche schaltet die Kaffeeköchin die Maschine ein. In einer halben Stunde werden über hundert Portionenkännchen zum Frühstück für die Patienten fertig sein, jedes mit frisch gemahlenem Kaffee zubereitet.

7 Uhr: Übergabe
Auf dem Stationszimmer C2 versammeln sich die vier Schwestern, die heute den Frühdienst übernehmen. Schwester Brigitte rapportiert, ihre Kolleginnen notieren und fragen. Ist Frau Noll noch nicht 'prämediziert'? Bekommt Frau Gisler das normale 'Reniten', also nicht 'mite' oder gar 'submite'? Ein Arzt schaut herein, erkundigt sich nach einer Patientin, die heute operiert werden soll. Zwei Hilfsschwestern fahren Frau Bolli in den Operationssaal 1. Ihr rechtes Hüftgelenk schmerzte so stark, dass sie nur noch unter grössten Schmerzen am Stock gehen konnte. Im Anästhesieraum begrüsst Oberärztin Heidi Saxer ihre Patientin und bespricht nochmals kurz die bevorstehende Operation. Dann übernimmt der Anästhesist mit einigen beruhigenden Worten die Aktivität.

7.30 Uhr: Der erste Schnitt
Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Der OP-Tisch wird hergerichtet. Eine kaum merkliche sterile Luftströmung hüllt den sterilen Bereich wie ein Vorhang ein. Frau Bolli (72) ist 'spinal' anästhesiert. Sie bleibt bei Bewusstsein, erhält aber ein starkes Beruhigungsmittel. Während auf den Abteilungen das Frühstück serviert wird, macht Frau Dr. Saxer den ersten Schnitt. Sie präpariert das Gelenk frei, kugelt es aus, wobei zwei Assistenten mit Spezialhaken die Sicht auf das Operationsgebiet freihalten. Sie sägt den Hüftgelenkskopf ab, der bis auf den rauhen Knochen abgenützt ist, setzt dann eine Hüftgelenkspfanne aus Titan und Polyäthylen und einen Gelenkschaft aus Titan ein. In dessen poröse Oberfläche wird bald Knochengewebe einwachsen. Nach dem Richten (damit beide Beine gleich lang bleiben) wird der passende Gelenkkopf aus Keramik montiert, und schon können Muskeln und Wundränder wieder vernäht werden. Frau Bolli hat nur wenig Blut verloren.

8 Uhr: Das leibliche Wohl
Während in den sechs OP-Sälen weiter operiert und vorbereitet wird (14 Eingriffe stehen auf dem Plan), sind die Sandwiches für die Cafeteria schon fast fertig. Die Küchenburschen rüsten Salat für das Mittagessen. Auf dem Menu steht heute Kaninchenragout an Sherrysauce mit Polenta und Blattspinat. Zwei Liter Sherry sind schon in der Pfanne. Wird das ankommen? 'So etwa zehn Sonderwünsche erwarte ich täglich', schmunzelt Küchenchef Manfred Czybik. 'Wenn Lamm oder Fisch auf den Teller kommen, sind es sogar noch mehr. Wir bringen Abwechslung, doch nicht alle mögen alles. Ein Anruf genügt, und wir kochen auf Wunsch etwas ganz Spezielles.'

8.30 Uhr: Tausend Hände im Hintergrund
Frau Bolli wird in den Aufwachsaal gefahren. Die gestern operierten Patienten kommen jetzt auf ihre Abteilungen. Drei Patienten sind am Röntgen, drei weitere warten bereits, während ein kleiner Drucker schon die Etiketten für die benötigten Aufnahmen ausspuckt. Auch das Labor arbeitet auf vollen Touren. In der 'Plasmapherese' lässt sich Herr Wolter für seine am 6. Oktober geplante Operation Blut zur Aufbereitung von Plasma abzapfen. Eine gute Stunde später lagert es bei minus dreissig Grad.

9 Uhr: Mobilisation
Der Ambulanzwagen bringt drei Patientinnen zur Nachsorge auf die Aussenstation Zurzach. Wer sein Bett verlassen kann, hat dies jetzt getan. 'Mobilisation' ist angesagt. Teils selbständig an Krücken, teils gestützt durch Therapeutinnen, bewegen sich die Patienten aus ihren Zimmern hinaus in das lichtdurchflutete Treppenhaus. In den polierten Kunststeinen spiegeln sich die Wolken. Die Treppe ist ein erster Prüfstein für die noch schwachen Muskeln und die frisch operierten Gelenke. Flinke Hände beziehen inzwischen die Betten neu.

10 Uhr: Sprechstunde
Dr. Beat Simmen begrüsst René (11) mit seinen Eltern. Renés rechter Daumen hat ein doppeltes Endglied. Seine Kameraden hänseln ihn jetzt nicht mehr, 'aber gell, du möchtest doch einen richtigen Daumen haben.' Klar will er das, und zwar noch vor Weihnachten. Dr. Simmen erklärt die Operation, der Eingriff wird eineinhalb Stunden dauern. Eine Vollnarkose ist nicht nötig, wenn René keine Angst hat. Da ist er noch nicht sicher.

11 Uhr: Aufnahme
'Grüezi, Herr Sax!' Das freundliche Lächeln am Aufnahmeschalter lässt ihn seine Diskushernie einen Moment vergessen. Die Formalitäten sind kurz, denn alle Patientendaten brauchen nur einmal erfasst zu werden und sind dann im Computer gespeichert, abrufbar für Ärzte und Verwaltung. Schon kommt Schwester Regula und holt ihren neuen Patienten ab. Pflegedienstleiterin Vroni Bugler weiss schon Bescheid. Sie bespricht gerade den Bettenbelegungsplan mit der Verwaltung.

11.30 Uhr: Mittagszeit
Die ersten Mittagessen werden an den Betten serviert. Die Schwestern lösen sich im Dienst und bei der Mittagspause ab.

13 Uhr: Pflege und Therapie
Die Schwestern und Pfleger des Früh-, Mittel- und Spätdienstes treffen sich zum grossen Pflegedienstrapport im Stationszimmer. Eine 'Hüftgruppe' von drei Patienten bewegt sich im bauchtiefen, temperierten Wasser. Der Auftrieb entlastet die frisch eingebauten künstlichen Gelenke. Auf den Abteilungen üben Patienten unter Anleitung von Physiotherapeutinnen.

14 Uhr: Von Mensch zu Mensch
Herr Sax (39) hat sich in seinem Zimmer eingerichtet. 'In Flims? Da wohnen Bekannte von mir.' Schwester Regula kennt sogar die Piste, auf der Herr Sax stürzte, wobei der Faserring seiner Bandscheibe platzte, der gallertige Kern austrat und auf den Nerv zu drücken begann.

15 Uhr: Bewegung ist alles
Kaum zu glauben, welche Schwerarbeit es sein kann, eine Glaskugel mit Daumen und Zeigefinger zu greifen und in eine Vertiefung zu legen. Aber alle Achtung: Frau Lehner (63) wurde vor zehn Tagen an der Hand operiert. Die Ergotherapeutin ist zufrieden. Im Physiotherapieraum balanciert ein Vierzehnjähriger auf einem wackeligen, an Ketten hängenden Brett. Das stärkt die Kniemuskeln. Im Trainingssaal wird gerudert, gestrampelt, gestemmt, gebeugt und gestreckt wie in einem Fitnessclub, aber unter physiotherapeutischer und sportärztlicher Aufsicht. Erst wenn die ehemaligen Patienten wieder fit sind, haben sie ihr Ziel erreicht. Nur wer sich bewegt, bleibt auf Dauer gesund.

16 Uhr: Visite auf der Abteilung
Während Abteilungsarzt Dr. Mielke die Patienten von C2 besucht, bespricht Oberarzt Dr. Schwyzer mit Herrn Matt (54) nochmals die morgige Schulteroperation. Ein Riss der 'Rotatorenmanschette' des Schultergelenks verursacht chronische Schmerzen. Nach der Operation wird die Sehne wieder sauber laufen, und Herr Matt wird sich wieder schmerzfrei bewegen können. 'Wir machen eine Vollnarkose, weil wir doch ziemlich nahe am Kopf operieren.' Das Einverständnisformular ist bereit zur Unterschrift.

17 Uhr: Der tägliche Arztrapport
Das Ärzteteam informiert sich über Herrn Matt und die anderen Patienten, die morgen operiert werden. Eine letzte Kontrolle vor der ärztlichen Leitung. Matt hebt seinen Arm bis zu der Stelle, an der es weh tut. Röntgenbilder hängen an der Leuchtwand. Später bittet der Wirbelsäulenspezialist Professor Arnaldo Benini Herrn Sax hinein. Ein Assistent untersucht ihn unter den prüfenden Blicken des Professors: 'Welche Nervenwurzel?' Die Antwort stimmt nicht ganz, und der junge Arzt ist um eine wertvolle Lektion reicher. Die klassischen Untersuchungsmethoden haben zum Glück noch nicht ausgedient: Professor Benini diagnostizierte bei einem Patienten, den er heute morgen operierte, einen auf dem Computertomogramm nicht sichtbaren Bandscheibenschaden.

18 Uhr: Was darf es kosten?
Können wir uns teure Hüftoperationen an 72jährigen noch leisten? Verwaltungsdirektor Robert Zangger rechnet vor: 'Selbst wenn wir die auf der Privatabteilung entstehenden Kosten für einen Hüftgelenkersatz mit etwa 40'000 Franken rechnen, so kostet es nur etwa so viel wie eine praktisch gehunfähige Patientin ein Jahr lang in einem öffentlichen Pflegeheim unterzubringen. Auf der Allgemeinabteilung kostet es noch nicht einmal die Hälfte des erwähnten Betrages.' Das heisst, es rentiert. Doch menschlich bedeutet es viel mehr: Frau Bolli kann gehen und für sich selber sorgen! Ein künstliches Hüftgelenk hält meistens weit über zehn Jahre. Die Patienten haben inzwischen ihr Nachtessen erhalten.

19 Uhr: Wie geht es dir?
Die Antworten auf diese Frage fallen unterschiedlich aus. Doch allein die Frage tut schon gut. Im Spital verliert sie ihren Routinecharakter. Keine Eile, die Besuchszeit dauert noch eine Stunde.

20 Uhr: Nachdenken in der Cafeteria
Herr Sax sitzt an einem Tischchen, allein mit sich selbst. Auch die Seele braucht ihre Vorbereitung zur Operation.

21.30 Uhr: Nachtdienst
Schwester Ursula übernimmt auf der Abteilung C2. Frau Gisler hat jetzt ein neues Medikament bekommen, damit sie schlafen kann.

22.00 Uhr: Sicherheit
Der diensttuende Arzt vergewissert sich bei den Nachtschwestern, dass auf den Abteilungen alles ruhig ist. Dann zieht er sich auf sein Dienstzimmer zurück. Falls nötig, kann er in einer Minute an jedem Krankenbett sein.

23.00 Uhr: Vertrauen
Draussen ist es dunkel. Die Wände des Treppenhauses reflektieren die Nachtbeleuchtung. Viele Patienten schlafen bereits. In der Energiezentrale startet ein Heizbrenner. Im sterilen Paternoster liegen schon die Bestecke für die Operationen an Herrn Sax' Rücken und Herrn Matts Schulter bereit.

24.00 Uhr: Nachtgedanken
Vierundzwanzig Stunden sind ein voller Kreis, ohne Anfang und ohne Ende. Auch der aufmerksamste Beobachter sieht immer nur kleine Splitter des Ganzen. Was problemlos läuft, betrachten wir oft als selbstverständlich. Wir vergessen leicht, wie viel es dazu braucht. Zur Zeit sind im Einsatz: 7 Schwestern, 3 Schwesternhilfen, 1 Pikettarzt und ein Wächter, der seine Runde dreht.

1 Uhr: Heilung
In der Hüfte von Frau Bolli arbeiten regenerierende Zellen auf Hochtouren. Temperatur, Puls und Blutdruck sind zufriedenstellend. In sieben Stunden wird Frau Bolli vom Wachsaal auf die Abteilung C2 verlegt.

2 Uhr: Schmerzprobleme
Frau Gisler kann noch immer nicht schlafen. Nicht jedes Problem lässt sich in einem Tag lösen.

3 Uhr: Ruhe
Frau Gisler ist jetzt für einen kurzen Moment eingenickt.

4 Uhr: Ein neuer Tag
Über dem Ententeich und der verlassenen Finnenbahn beginnt ein neuer Morgen zu dämmern.

© Christian Bachmann

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