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Im Gespräch mit Hans Erni. Ein Porträt.






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Christian Bachmann

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Hans Ernis Kunst schlägt Brücken, vermittelt Zusammenhänge. Der Bogen seiner Bildsprache spannt sich weit – von der Antike bis zur Gegenwart und darüber hinaus. Im Zentrum steht die Würde des Menschen.

Am Ende unseres langen Gesprächs, des packenden Erzählens aus dem Fundus eines reichen Lebens, sagt mir Hans Erni: «All das Vergangene ist nicht wichtig. Ich schaue in die Zukunft.» Und dann, nach einer kleinen nachdenklichen Pause, fügt er lächelnd hinzu: «Auch wenn sie für mich nur noch kurz ist.» In diesem Moment wird mir so deutlich wie nie zuvor, was das Wesen dieses Menschen ausmacht: die abgeklärte Weisheit von neun intensiv gelebten Jahrzehnten, gepaart mit einer ungebrochenen vitalen Neugier, die man durchaus jugendlich nennen darf.

Offenheit

Weisse Haarsträhnen umrahmen seinen Charakterkopf, als wären sie von Hans Erni gemalt. Seine Haltung im weissen Overall noch immer aufrecht, sein Gang ganz und gar nicht greisenhaft. Ein herzlicher, offener Händedruck. Der Künstler hat seine Arbeit des Signierens von Originallithographien unterbrochen und nimmt sich Zeit, aus seinem Leben zu erzählen. Ein einzigartiges Erlebnis, denn hier spricht einer der wenigen Zeitzeugen, die noch die Anfänge des nun zu Ende gehenden Jahrhunderts erlebt haben.

Anfänge

Dass Hans Erni Künstler werden würde, war ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Schon sein Vater, Schiffsmaschinist auf dem Vierwaldstättersee, war ein begeisterter Zeichner. Papier war vor dem Ersten Weltkrieg Mangelware. So mussten eben die leeren Seiten, ja sogar die Ränder der Bücher in der kleinen Hausbibliothek als Untergrund für die Skizzen und Zeichnungen dienen. Pferde waren das Lieblingsmotiv von Vater Erni, und auch der kleine Hans verbrachte Stunden in der benachbarten Hufschmiede, wo der Geruch des verbrannten Horns aufstieg, an den er sich auch heute noch genau erinnern kann. Die Kraft und Eleganz der Pferde machten auch auf Hans einen bleibenden Eindruck, der sich in seinem späteren Werk immer wieder zeigt.

Geometrie

Die Lehrzeit, ein halbes Jahr bei einem Geometer und dann als Bauzeichner bei einem Architekten, legte das Fundament für den später so typischen Erni-Stil: die Harmonie der Strichführung, die konstruktiven, ja skizzenhaften Elemente, die im fertigen Werk immer durchscheinen und ihm ihren Stempel aufdrücken. Auch die ersten Erfolgserlebnisse, aus denen er später seinen Durchhaltewillen schöpfte, stammen aus jener Zeit: Der Lehrling verstand es, durch Landschaftselemente die Projektzeichnungen seines Meisters so gut zu bereichern, dass dieser viele Wettbewerbe gewann. Doch die Aussicht, ein erfolgreicher Architekt zu werden, lockte Hans Erni nicht. Sein Talent verlangte nach freier Entfaltung, unbehindert von buchhalterischem Rechnen.

Akademien

Mit dem Geld, das er sich durch Werbeaufträge zusammensparte, reiste er Ende der zwanziger Jahre nach Paris, dann nach Berlin, um an den Akademien das Malerhandwerk von Grund auf zu erlernen. Der junge Schweizer gewann Auszeichnungen und Anerkennung, aber Geld war damit nicht zu verdienen. So pendelte er immer wieder zurück in seine Luzerner Heimat, wo er sich als Plakatkünstler und als Grafiker einen Namen schuf. Alles, was er damit verdiente, steckte er in seine Ausbildung.

Synthese

Dann, 1933, der Durchbruch: Im Auftrag des Kunstmuseums Luzern bekam Erni die einzigartige Gelegenheit, eine Ausstellung mit den führenden Malern der Zeit zu gestalten. Er nannte sie «These, Antithese, Synthese» und holte dafür die Werke von Picasso, Braque und anderen bedeutenden Künstlern nach Luzern, mit denen er seit seiner Pariser Zeit befreundet blieb. Selbst ein Picasso war damals froh um die Gelegenheit, in der Schweiz ausstellen zu können. Thema der Ausstellung war die Spannung zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei. Hans Erni stellte auch eigene Werke aus, in denen er versuchte, diese Spannung auszudrücken. Ernis Kunst, obwohl sie abstrakte Elemente enthält, bleibt doch immer verständlich, verzichtet auf jeden elitären Anspruch. Sie hat oft auch einen praktischen Aspekt, will eine Botschaft überbringen, z.B. auf Plakaten, in Buchillustrationen.

Erfolg

Sein Talent war inzwischen weitherum bekannt. Aus Frankreich und England kamen Aufträge und Einladungen für Ausstellungen. Reich wurde Erni damit nicht, aber immerhin ernährte die Kunst den Künstler. Landesweit berühmt wurde er mit dem monumentalen, hundert Meter langen und fünf Meter hohen Wandbild für die «Landi» 1939, das ihn, zeitweise mit zwei Mitarbeitern, zwei Jahre beschäftigte. Um seine späteren Erfolge aufzuzählen, fehlt hier der Raum. Über 200 Bücher hat er illustriert, vier Opernszenarien gebaut, 30 Briefmarken allein für die Schweiz und Liechtenstein gestaltet. Dazu Wandbilder, Tapisserien, Plakate und unzählige andere Werke.

Engagement

Hans Erni sieht seine Kunst nicht als Selbstzweck. Für ihn steht die Botschaft im Vordergrund. Was er als richtig erkennt, zu dem steht er kompromisslos. Für Frieden setzte er sich ein, in einer Bewegung, der auch Kommunisten angehörten. Weil er sich weigerte, sich von seinen Freunden zu distanzieren, geriet er in den Verdacht, Kommunist zu sein. Er war aber nie Mitglied einer Partei.
Im Zweiten Weltkrieg bekam er von der Nationalbank den Auftrag, eine neue Serie von Banknoten zu entwerfen, da man einen grossangelegten Fälschungsangriff der Nazis auf unsere Währung befürchtete. Die neuen Tausendernoten waren schon gedruckt, als ein rechtsstehender Nationalrat es mit dem absurden Kommunismusvorwurf erreichte, dass diese Arbeit abgebrochen und die Banknoten nie in Umlauf gebracht wurden.

Botschaft

Die Botschaft, die Hans Erni durch seine Werke vermitteln will, ist die Würde des Menschen, verbunden mit Respekt gegenüber der Natur darzustellen. Unvergessen sind seine wegweisenden Plakate «Rettet das Wasser!», «Rettet die Luft!» und «Rettet den Wald!» in den Nachkriegsjahren, als das Wort Umweltschutz noch nicht erfunden war. «Der Mensch muss seinen Geist dazu verwenden, wieder ein Teil der Natur zu werden und mit ihr in Symbiose zu leben.» Das ist, neben seinem Wunsch nach Frieden, bis heute das wichtigste Anliegen von Hans Erni geblieben.

Fliegen

Typisch für Hans Erni ist die Offenheit, mit der er sich stets Neuem zuwendet. Als er im Zweiten Weltkrieg einen jüdischen Luftfahrt-Ingenieur kennenlernte, der seine Stelle bei den Zeppelinwerken in Friedrichshafen wegen der Flucht vor Hitler hatte aufgeben müssen, begeistert er sich für Aerodynamik. Die Lehre der Strömungen, bei der alles fliesst, hat es ihm angetan. «Panta rhei», die klassisch-altgriechische Formulierung dieser Aussage, heisst denn auch das monumentale Wandbild, das im Auditorium des Hans Erni-Museums im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern zu bewundern ist.

Dank der theoretischen Schulung durch den Ingenieur, der selber nie geflogen war, machte Hans Erni das Brevet als Sportflieger. Er versuchte er sich sogar als Testpilot für neuartig gestufte WasserflugzeugSchwimmer des Ingenieurs. Der Motor war aber zu schwach, und das «Ding», das keine Tragflächen hatte, vom Wasserspiegel abzuheben.

Reisen

Seit seinen jungen Jahren hat es Hans Erni immer wieder in die Fremde gezogen – vor dem Zweiten Weltkrieg vor allem nach Frankreich, England, Deutschland und andere Länder Europas, nach dem Krieg nach Afrika, Israel und Indien. Besonders gut erinnert er sich an seine Begegnungen in Mauretanien und anderen afrikanischen Ländern. Mit Leopold Senghor, dem damaligen «Dichter-Präsidenten» der westafrikanischen Republik Senegal, verband ihn eine tiefe Freundschaft. Erni illustrierte einige Werke Senghors.

«Auf Reisen ist es wichtig, nicht nur das Äussere zu erfassen, sondern auch das Innere der Menschen und Kulturen, ihre Religionen, ihr Denken», sagt Hans Erni. In mehreren Skizzenbüchern hat er seine Eindrücke festgehalten.

Lernen

Lebenslanges Lernen ist typisch für Hans Erni. Als Illustrator eines grossen enzyklopädischen Werkes hatte er in den sechziger Jahren neben anderen führenden britischen Wissenschaftlern auch den Philosophen Bertrand Russell kennengelernt. Ein Ausspruch dieses grossen Mannes sei ihm in Erinnerung geblieben. Hans Erni gibt ihn mir – unser Gespräch ist eigentlich schon beendet – noch mit auf den Heimweg: «Wenn mir jemand neue, bessere Erkenntnisse vorlegt, die meinen Überzeugungen widersprechen, die ich im Laufe meines Lebens erarbeitet habe, dann bin ich sofort bereit, alle früheren Theorien über Bord zu werfen.»

© Christian Bachmann

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