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Diebe und Einbrecher im Tierreich






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Christian Bachmann

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An heissen Sommertagen kann man an manchen trockenen, sandigen Plätzchen kleine Wespen beobachten, die durch Löcher im Boden verschwinden. Die Tierchen sind kaum grösser als Ameisen und genauso fleissig. Unermüdlich scharren sie mit ihren Beinchen Sand aus dem Loch, den sie anschliessend Korn für Korn wegtragen.

Ist diese Höhle fertig, schleppt die Wespe eine Raupe hinein, die sie mit gezielten Stichen in die Nervenzentren gelähmt hat. Auf diesen Vorrat an Lebendfleisch legt sie ein Ei und verschliesst dann den Eingang zur Höhle sorgfältig, so dass er ebensowenig zu erkennen ist wie der Eingang eines Pharaonengrabes im Tal der Könige. Doch was Isis und Osiris nicht erfüllen konnten - hier geschieht es: Im Mausoleum keimt neues Leben. Die Made der Sandwespe findet einen gedeckten Tisch und frisst das Beutetier bei lebendigem Leib auf. Seine Grösse ist so berechnet, dass es erst tot ist, wenn die Made satt ist und sich verpuppt, um die zweite Hälfte ihres Lebens als Sandwespe zu verbringen, Löcher zu graben und Raupen zu jagen.

Der französische Insektenforscher Jean-Henri Fabre hat sich jahrzehntelang mit dem Verhalten dieser kleinen Insekten befasst. Bevor sie auf Jagd gehen, bereiten sie ihre Höhle vor. Wenn sie ein Beutetier gefangen haben, lassen sie dieses für kurze Zeit liegen, fliegen zuerst zur Höhle und inspizieren sie. Ist sie noch intakt, dann kehren sie zum Beutetier zurück und schleppen es in die Höhle. Während der kurzen Abwesenheit kann es vorkommen, dass Ameisen den Leckerbissen finden und darauf herumkrabbeln, wenn die Wespe wiederkommt. In diesem Fall, so hat Fabre beobachtet, versucht sie ihre Beute nicht zu verteidigen, denn eine Wespe gegen viele Ameisen ist machtlos.

Auch ein Tier, das die alten Ägypter verehrten, sorgt auf ähnliche Weise für seine Brut: der Skarabäus. Er sammelt Mist, den er in Pillenform dreht und in ein Erdloch befördert. In dem Mist gedeihen seine Larven. Doch braucht er die Mistkugel nicht mit gleichem Aufwand zu sichern wie die Sandwespe ihre Raupe, denn diese ist eben für sehr viele «Diebe» attraktiver als eine «Mistpille».

Wer hat, dem kann genommen werden. Dieses Prinzip zieht sich durch die ganze Naturgeschichte. In seiner einfachsten Form lautet es: Krebschen frisst Alge, Fischchen frisst Krebschen, Fisch frisst Fischchen, Vogel fängt Fisch. Interessant, dass wir Menschen diese Beziehung des Fressens und Gefressenwerdens mit einem Ausdruck aus dem Strafgesetzbuch bezeichnen: Tiere, die andere Tiere fressen, heissen «Räuber». Dabei kommt es aber weniger darauf an, was das sogenannte Raubtier tut, als auf die Grösse der Beute. Ein Rotkehlchen pflegen wir nicht als Raubvögelchen zu bezeichnen, obwohl es Insekten fängt. Auch das kleine Spitzmäuschen, dessen Gebiss unter dem Mikroskop fürchterlicher ausschaut als das eines Tigers, ist für allgemeines Empfinden eher ein Kuscheltier als eine Bestie.

Juristische Begriffe sind im Tierreich also mit viel Vorsicht zu geniessen. Was Raubtiere tun, ist kein Raub, sondern Tötung mit dem Recht auf Freispruch durch natürliche Umstände. Wegnahme durch Gewalt, also Raub im Sinne menschlicher Gesetze, ist im Tierreich viel seltener. Zum Beispiel kann der oben erwähnte Vogel, der den Fisch gefangen hat, diesen an einen anderen Vogel verlieren, der ihn wegschnappt. Das kann einfacher sein, als selbst einen Fisch zu fangen. Unter Seevögeln gibt es aber auch solche, die sich auf diese Art des Beuteerwerbs spezialisiert haben: die Raubmöwen. Sie können selber nicht fischen, sondern leben von Fischen, die sie anderen Vögeln abjagen.

Um das Risiko eines solchen «Entreissdiebstahls» zu vermindern, schlucken viele Tiere ihre Beute erst einmal möglichst schnell hinunter - oft sogar am Stück. Nur was man gefressen hat, ist grundsätzlich vor Dieben sicher. Wer seine Beute nicht verschlucken kann, bringt sie in Sicherheit. Und wie beim Menschen sind auch in der Natur alle Sicherheitsmassnahmen genau auf die Gefährdung abgestimmt.

Ermittelt beim Menschen ein Sicherheitsberater das Gefährdungspotential und die den zu schützenden Werten angemessenen Massnahmen und Einrichtungen, so spielt in der Natur das Wechselspiel von Veränderung und Auslese und lässt die bestangepassten Lebewesen am erfolgreichsten überleben. Ein Tier wird soviel Energie in Sicherheit investieren, wie die zu schützenden Werte erfordern, aber nicht mehr. Für die Sandwespe ist eine frischerbeutete Raupe zwar einiges wert, aber längst nicht soviel wie eine, auf die sie bereits ein Ei gelegt hat. Deshalb lässt sie die frische Beute im Stich, um erst einmal zu kontrollieren, ob ihr Versteck noch in Ordnung ist. Safety first. Denn ohne vorbeugende Sicherheitsmassnahmen ist die kleine Wespenlarve später verloren.

Wenn also tierische und menschliche Sicherheitskonzepte in Grundzügen durchaus übereinstimmen, darf auch nicht überraschen, dass die Natur den Tresor gleich mehrfach erfunden hat. Und wo es Panzerschränke gibt, sind auch Panzerknacker nicht weit.

Wieder sind es die Insekten, die in dieser Beziehung Erstaunliches leisten. Ein bekanntes Beispiel sind die Termitenbauten. Ihre steinharte Oberfläche bietet den ameisenartigen Tierchen und ihrer Brut Schutz vor vielen Verfolgern. Doch Spezialisten wie Ameisenbär und Ameisenigel haben Einbruchwerkzeuge entwickelt - kräftige, scharfe Krallen an den Vorderpfoten - mit denen sie die Bauten aufkratzen. Anschliessend holen sie die Termiten mit ihrer wurmförmigen, klebrigen Zunge aus den Gängen. Schimpansen gehen dagegen mit List vor: Sie stecken einen Pflanzenstengel in die Löcher, warten eine Weile und ziehen sie dann wieder heraus, mit einigen Termiten, die sich abwehrend darangeklammert haben.

Einen Tresor richtet sich auch die Mörtelbiene ein, eine einzeln lebende, räuberische Bienenart des Mittelmeerraumes. Sie mischt aus Sand und ihrem eigenen Speichel eine Art Beton, aus dem sie kleine, kuppelförmige Gehäuse baut. Diese sind so fest, dass man ein Taschenmesser braucht, um sie zu öffnen. In diesem Bio-Tresor lebt die Made der Mörtelbiene relativ unbehelligt. Doch auch hier ist die Sicherheit nicht absolut. Denn bei heissem Wetter, wenn der Mörtel austrocknet, bilden sich feine Risse - gross genug, um ein winziges Würmchen einzulassen. Es ist die Larve des Trauerschwebers, eines fliegenartigen Insekts. Sie macht sich an die verpuppte Biene heran und mästet sich an ihr, bis auch sie sich in eine Puppe verwandelt. Der Trauerschweber, als feingliedriges Insekt, könnte sich niemals aus eigener Kraft aus dem Mörtelbau befreien. Diese Arbeit übernimmt deshalb die Puppe: Sie trägt an ihrem Kopf eine Art «Betonbohrer» aus sechs harten, halbkreisförmig angeordneten Zacken. Ihr Rücken ist mit zweihundert kurzen, harten Borsten bewehrt. Mit diesen verankert sie sich in der Wandung des Stollens, den sie mit ihrem Zackenbohrer in die Wand treibt.

Panzerung ist immer dann ein beliebtes und sinnvolles Mittel, wenn direkte Verteidigung oder Flucht nicht möglich oder zu aufwendig ist. So schützen sich viele Tiere, die weder über kräftige Zähne, Klauen und Muskeln noch über schnelle Beine oder Flügel verfügen, mit einer Schale (wie Schnecken und Muscheln), mit Stacheln (wie Igel, Stachelschwein und der erwähnte Ameisenigel) oder mit einer Panzerhaut (wie Käfer, Schildkröten, Gürteltiere, Schuppentiere, Panzernashorn usw.).

Zu eigentlichen Panzerspezialisten haben sich die Muscheln entwickelt. Eine Doppelschale schützt ihr verletzliches Inneres mit den zarten Kiemen. Mit einem langsamen, aber äusserst kräftigen Muskel presst die Muschel ihre beiden Schalen zusammen. Aber von Zeit zu Zeit muss sie neues Atemwasser schöpfen und öffnet dann die Schale einen Spalt weit. Der Tintenfisch Octopus, dessen Kräfte nicht ausreichen, die Schale zu sprengen, soll dann manchmal zu einem Trick greifen: Er schiebe in diesem Moment einen kleinen Stein zwischen die Schalen, worauf die Muschel, ihres Schutzes beraubt, zur leichten Beute werde. Dies jedenfalls berichtet der römische Gelehrte Plinius der Ältere. Später wollen dann einige Meeresbiologen diesen Trick ebenfalls beobachtet haben. Er ist durchaus plausibel, denn Octopus gilt als relativ intelligentes Tier und lässt sich auch leicht dressieren.

© Christian Bachmann

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